Die ehemalige Steinhauerschule in Büchlberg
 
 

Am 12. April 1889 richtete Johann Kerber jun. (1857-1915) aus Kittlmühle, Inhaber des Steinbruches in Büchlberg, an das kgl. Bezirksamt Passau die "gehorsame Bitte um Einrichtung einer Steinhauerschule in Büchlberg". Er begründete seinen Antrag mit dem Aufschwung der Granitindustrie. Der Unterricht sollte in der Volksschule in Büchlberg stattfinden. Herr Kerber versprach, zur Vergütung für den Lehrer 100 Mark beizusteuern und die Kosten für die Einrichtung der Schule zu übernehmen.

Die Kgl. Regierung von Niederbayern in Landshut genehmigte die Errichtung der Steinhauerschule in Büchlberg als "gewerbliche Fortbildungsschule" für die feiertagsschulpflichtigen Arbeiter. Am 10. November 1890 konnte die Steinhauerschule Büchlberg mit 20 Schülern, die alle im Steinbruch Kerber in Büchlberg beschäftigt waren, eröffnet werden. Die örtlichen Volksschullehrer Joseph Stoiber und Rudolf Saldier unterrichteten in den Wintermonaten an vier Abenden jeder Woche die Fächer Deutsch, Rechnen und Zeichnen und der Geistliche hielt die Religionsstunden.
Am 21. November 1894 forderte die Vorstandschaft der Schule, bestehend aus Pfarrer Zacher von Büchlberg als Lokalschulinspektor, Bürgermeister Krenn von der zuständigen Gemeinde Leoprechting und Johann Kerber als Vertreter der Firma Lina Kerber, die bisherige Steinhauerschule in eine Fachzeichenschule umzuwandeln. Der Schwerpunkt sollte jetzt auf die berufliche Ausbildung gelegt werden, damit die Steinmetze die Werkzeichnungen lesen und danach arbeiten konnten. An einem Fortbestand der Steinhauer-Feiertagsschule in der bisherigen Form war offensichtlich niemand mehr interessiert, denn Anfang 1895 wurde diese Schule "wegen Teilnahmslosigkeit" aufgelöst.
Vier Jahre später, am 5. Mai 1899, wurde die angestrebte Fachzeichenschule in Büchlberg mit 28 Schülern neu eröffnet. Im gleichen Jahr entstand in Passau eine vierkursige Baugewerkschule für Steinmetze und Steinbildhauer. Bei ihrer Errichtung nahm man Rücksicht auf die Steinindustrie im Bayerischen Wald, wobei die Steinhauerschulen in Büchlberg und Metten als Vorbereitungsanstalten dienen sollten. Diese Baugewerkschule in Passau bestand bis 1911.
In der Zeichenschule in Büchlberg wurde die Konstruktion der vorkommenden Baustücke und die Herstellung von Schablonen, Bruchzettel und Bruchmaße mit Berechnung einfacher Werkstücke nach Kubikinhalt und Gewicht gelehrt. Schüler, die sich durch großen Fleiß und gute Leistung auszeichneten, erhielten Zeichenutensilien als Preise. Bei einer Inspektion äußerte sich Konrad Oebbeke, der Leiter der Technischen Hochschule in München, sehr positiv über den Schulbetrieb in Büchlberg. Für alle Lehrlinge der Firma Gebrüder Kerber war der Besuch der Zeichenschule obligat. Damals besuchten durchschnittlich 18 Schüler den Zeichenunterricht.
Nach einer Ministerialentschließung vom 8. Mai 1903 sollte der Unterricht jetzt als "Wanderunterricht" in zwei aufsteigenden Kursen in jeweils zwei Semestern samstags erteilt werden. Die Leitung wurde Jakob Lang, Architekt an der Baugewerkschule Passau, übertragen. Die Lehrgegenstände waren Linearzeichnen, Projektionszeichnen, Modellieren, Freihandzeichnen und Gesteinslehre. An Samstagen fanden sich junge Steinhauer in der Schule zusammen, um sich vier Stunden ihrer Ausbildung zu widmen und in der fünften Stunde hielt der Architekt einen Vortrag über Gesteinskunde.
Von 1905 bis 1909 unterrichtete der Fachlehrer Roman Reiser aus Passau in Büchlberg. 1906 würdigte der Kgl. Forstrat Ludwig Leythäuser aus Landshut die Steinhauerschule. Der Unterricht umfasste die Elementarfächer, gewerbliche Buchführung und Zeichnen unter Berücksichtigung der Ausbildung im Steinhauergewerbe. Der Unterricht war unentgeltlich. Nach Reisers Abgang wurde der Zeichenunterricht nur mehr in den Wintermonaten, jedoch in drei Jahrgängen, erteilt. Zum Lehrplan gehörten jetzt auch der Umgang mit Sprengstoffen, Unfallverhütung und Erste Hilfe bei Verletzungen.
Granitunternehmer Kommerzienrat Johann Kerber stellte im Sommer 1914 bei der Regierung den Antrag zur Auflösung der Steinhauerschule, denn die Firma Kerber wollte künftig geeignete Lehrlinge durch ihren Techniker P. Maulbach im Lesen von Werkzeichnungen kostenlos unterrichten lassen und dafür auch einen Raum zur Verfügung stellen. Am 16. Dezember 1914 - inzwischen war der Weltkrieg ausgebrochen - genehmigte das Kgl. Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten die einstweilige Aufhebung der Steinhauerschule in Büchlberg ab dem Schuljahr 1914/15.
Alle Bestrebungen nach dem Ende des Weltkrieges in den Jahren 1919 bis 1924, die Steinhauerschule in Büchlberg wieder zu eröffnen, blieben erfolglos. Dagegen wurde 1922 in Hauzenberg eine Fortbildungsschule mit einer Klasse für Steinhauer errichtet, in der ganzjährig an Sonn- und Feiertagen unterrichtet wurde.

Das Leben eines Steinhauers
 

 
Der Steinhauer bearbeitet den Stein

Von allen Himmelsrichtungen her gingen die Steinarbeiter in den "Berg", zur Arbeit in den Steinbruch. Die tägliche Arbeitszeit betrug zehn Stunden. Sie begann morgens um 6 Uhr; von 8 bis 8.30 Uhr war "Brotzeit" und von 11 bis 12 Uhr Mittagspause. Viele Frauen und Kinder brachten den Männern das Essen, wenn sie weit weg wohnten.


Der "Altgeselle" verkündete den Beginn der Arbeitszeit, indem er mit einem Meißel an einen eisernen Winkel schlug. Vor der Arbeit wurde mittags um 12 Uhr vom Bruchmeister das "Vater unser" laut vorgebetet, dann erfolgte der namentliche Aufruf der Steinhauer. Um drei Uhr nachmittags gab es eine halbstündige Pause und um 6 Uhr abends war Arbeitsschluß. Im Winter wurde bei Petroleumlicht in der Werkstätten gearbeitet und die im Freien Beschäftigten solange es das Tageslicht zuließ.
Im Winter brachte jeder Steinmetz Reisigbündel mit zum Auftauen des gefrorenen Granits. Das Reisigholz wurde im Sommer von den Frauen gesammelt und gebündelt. Diese Bündel hießen "Gleinholz". Das Licht drang nur durch Oberlichten in die geschlossene Werkhütte ein. Staub erfüllte den weiten Raum, in dem über hundert Steinmetze schafften, und Qualm reizte im Winter die Atemwege.
Die Gefährlichkeit des Steinstaubes für die Gesundheit war noch nicht erkannt, im Betrieb grasierte die "Lungensucht". Das Durchschnittsalter der Steinhauer betrug um 1910 nur 35 Jahre. Wesentlich trugen dazu auch die schlechten Wohnverhältnisse und die Ernährung der Steinbrucharbeiter bei.
Offene Bauhütten wurden erst später eingeführt. Jetzt bildeten vier Männer eine "Kompanie", die einander halfen. Hatte ein Steinmetz ein Werkstück zum Aufbänken, rief er: "Kompanie angesprochen!" worauf ihm die andern drei halfen. Am Ende wurde gerufen: "Kompanie ist bedankt!"
War eine Besprechung der Arbeiter notwendig, so wurde sie vom Altgesellen bekannt gegeben. Er schickte einen Lehrbuben durch den Betrieb, der die Versammlungszeit laut ausrufen musste. Waren alle Betriebsangehörigen versammelt, rief der Altgeselle: "Das Budenrecht ist eröffnet. Wer meldet sich zu Wort?" Die Lehrlinge durften bei der Versammlung nicht anwesend sein. Weil es damals noch keine Gewerkschaft gab, wurden die Lohnverhandlungen im Betrieb geführt und alle Vorkommnisse verhandelt. Am Ende der Aussprache rief der Altgeselle: "Das Budenrecht ist geschlossen; die Kollegen sind bedankt."
Erst nach Beendigung der Lehrzeit durften die Lehrlinge in der Werkhütte arbeiten. Die Hilfsarbeiter und die Brecher hatten einen Leinenschurz mit Brustlatz zu tragen, die Steinmetze aber nur einen blauen Leinenschurz. Kam ein Steinmetz aber mit Brustlatz, so wurde ihm dieser sofort abgeschnitten.
An Hochzeiten beteiligte sich die gesamte Belegschaft. Nach Arbeitsschluß zogen die Kollegen in Arbeitskleidung ins Wirtshaus. Dabei musste der Schurz aufgerollt um die Hüfte getragen werden. Dann dröhnte beim Stampfen und Tanzen in den schweren Holzschuhen der Fußboden des Saales. Trotz des hohen Bierkonsums gab es nur selten Streitereien unter den Steinhauern. Eine Rivalität herrschte jedoch zwischen den Steinbrucharbeitern und den Bauernburschen. Bei Auseinandersetzungen gingen meist die Steinhauer als Sieger hervor.
Schon nach dem Gottesdienst ertönte an Sonntagen aus den Wirtshäusern der Gesang der Steinhauer. Starb ein Arbeitskamerad, so gingen alle mit der "Leich". Im Wirtshaus wurde bei der Totensuppe schon gesungen und gelacht, weil der "draust am Friedhof" sonst auch mitgefeiert hat. Vielleicht würde es der Tote übelnehmen, wenn um ihn getrauert würde. Zahltag im Betrieb war alle 14 Tage. Das Geld wurde in der Kantine ausgezahlt. Neben dem Zahltisch saß der Kantinenwirt mit dem Hut in der Hand und kassierte die Bierschuld ein. Das Bier für die Kantine lieferte die Brauerei Josef Kerber in Fürstenstein. Der Liter Bier kostete damals nur 20 Pfennige.
Besonders streng war damals die Abnahme von fertigen Werkstücken durch den Polier. Millimeterarbeit war verlangt und mancher schnaufte auf, wenn sein Stück Zufriedenheit fand. Für die Stadt Hannover wurde ein Brunnen gefertigt. Die Schale des Brunnens, die auf einem Sockel stand, hatte einen Durchmesser von drei Meter. Sie musste so genau geschliffen werden, damit das überlaufene Wasser rundum einen Wasserschleier bilden konnte.